Quotierung für rizhomatische Abnormalitäten

 

 

 

 

QUOTIERUNG FÜR RIZHOMATISCHE ABNORMALITÄTEN: unmarkietes Territorium feministischer Theorie und Praxis

Bevor wir uns mit der Frage inwieweit kann die Integration von Mitgliedern soziopolitischer Minderheitsgruppen durch die strategischen Forderung nach Quoten zu einer Änderung gesellschaftlicher Strukturen beitragen, möchten wir die eigenen Positionen, mit ihren Subjektivierungen, Privilegien, Hierarchisierungen und Machteffekten als konstitutives Element der Normalisierung von Machtstrukturen klarzustellen. Nicht nur strukturelle Barrieren produzieren Ausschluss, sondern insbesondere auch Diskurse und soziale Distributions- sowie Distinktionsmechanismen innerhalb der hegemonialen feministischen Theorie/Praxis die sich in rassistischen Kategorisierungen und Ausschlüssen ausdrückt.

Dazu gehört auch sich selbst zu fragen, inwieweit man unreflektiert Normen folgt und damit eine gewisse Komplizität erstellt: Ein Pendeln zwischen Objektivismus und Subjektivismus, zwischen Deterritorialisierung und Reterritorialisierung, Instituierung und Institutionalisierung, Kritik und Selbstkritik und zwischen Privilegien und Umverteilung.

In diesem Artikel werden einige Theoretische Bemerkungen zum Thema Quotierung eingefügt, sowie eigene Reflexionen aus der Sicht von SOMs (Selbstorganisationen von Migrantinnen)

< Überwindung des Antagonismus zwischen dem Objektivismus und dem Subjektivismus

Die Auseinandersetzung mit Bourdieus Auffassungen nach dem Verhältnis zwischen objektiver Determination und subjektiver Autonomie bzw. zwischen sozialer Lage und Bewußtseinsentwicklung ist für uns Migrantinnen geprägt von Interesse: Welchen Beitrag leisten die theoretischen Überlegungen Bourdieus zur Aufdeckung des widersprüchlichen Verhältnisse zwischen subjektiv-eigensinniger Lebenstätigkeit und gesellschaftlicher Bestimmtheit in der Perspektive von Minderheiten?

Um zu einer Synthese zwischen Objektivismus und Subjektivismus zu gelangen, geht es Bourdieu um die erkenntnistheoretische Rehabilitierung der im objektivistischen Diskurs tendenziell eliminierten sozialen Akteure mit ihren analytisch relevanten Subjektivitätsmerkmalen (Erfahrungen, Erlebnisweisen, Alltagspraktiken etc.), ohne deshalb - wie im subjektivistischen Erkenntnismodus - die wissenschaftliche Reflexion objektiver Strukturen (insbesondere auch in deren Wirkung auf die sozial Handelnde) zu vernachlässigen.

Gegenstand der praxeologischen Erkenntnisweise, wie Bourdieu sein alternatives Konzept bezeichnet, ist demnach „nicht allein das von der objektivistischen Erkenntnisweise entworfene System der objektiven Relationen, sondern desweiteren die dialektischen Beziehungen zwischen diesen objektiven Strukturen und den strukturierten Dispositionen, die diese zu aktualisieren und zu reproduzieren trachten“; ist mit anderen Worten der doppelte Prozeß der Interiorisierung der Exteriorität und der Exteriorisierung der Interiorität.

Kennzeichnendes Merkmal der Diskussion um die Quotierung ist ein besonders ausgeprägter Gegensatz zwischen Objektivismus und dem Subjektivismus. Scheint so wie eine Postulat des Zwangscharakters der sozialen Tatsachen gegenüber dem nunmehr ausgelieferten Subjekt oder eine Sichtweise, die die Bedeutung der symbolischen Kämpfe in den unterschiedlichen politischen und kulturellen Handlungsfeldern unterschlägt (Bildungssystem, Medien; Kulturpolitik etc.).
Im objektivistischen Modus wird damit der souveräne Standpunkt eines äußeren Beobachters eingenommen, dem sich die soziale Wirklichkeit als ein Schauspiel darbietet, sodass die Handlungen und Praxisformen allenfalls wie Ausübungen wie Theaterrollen, wie Ausführungen einer Partitur oder wie Anwendungen eines Plans in den Blick geraten.

Eine derart unreflektierte Haltung - Spaltung zwischen Subjektivismus und Objektivismus und Verabsolutierungstendenz - gehört hinterfragt um zu einer adäquaten Problemlösung zu gelangen und alte Gegensatz von Theorie und Praxis bzw. Opfer-Täter- Diskurse zu überwinden. Solche Positionalität ist auch eine Art von subtilen Formen der Diskriminierung und (re-)produzieren sich kontinuierlich.

< Deterritorialisierung und Reterritorialisierung als Hausaufgabe in Feld antirassistischer Gleichstellungspolitik

Die SOMs (Selbstorganisationen von MigrantInnen) weisen auf die Tatsache hin, dass die NGOs selbst die Player im Spiel des Rassismus und Ausgrenzung seien, in dem die Organizationen des Integrationsfelds eine keineswegs unschuldige Rolle spielen.
Deleuze und Guattari beschreiben einen ständigen Zusammenhang von Deterritorialisierung und Reterritorialisierung: „Dieser Zusammenhang bezieht sich nun weniger auf ein geographisches "Territorium", als vielmehr genau auf das Verhältnis von politischer Bewegung und Institutionen, von konstituierender und konstituierter Macht, von Instituierung und Institutionalisierung.“ Raunig
Guattari problematisiert Organisierung und Institutionalisierung in folgender Weise: "Das Problem der revolutionären Organisation ist im Grunde das der Einrichtung einer institutionellen Maschine, die sich durch eine besondere Axiomatik und eine besondere Praxis auszeichnet; gemeint ist die Garantie, dass sie sich nicht in den verschiedenen Sozialstrukturen verschließt, insbesondere nicht in der Staatsstruktur" Guatarri.
Es geht um die bewusste Überschreitung und Überwindung der Weißen Dominanzkultur, von Organisationsstrukturen mit paternalistischer Mission über "die Anderen" zu reden und agieren, nationalstaatlicher und nationalkultureller Grenzen.
Antirassistische Positionen haben immer die Grenzüberschreitung - politischen wie theoretischen im Blick: Von welchem Standpunkt aus wird welche Politik gemacht? Wie, warum von wenn wird Diskriminierungserfahrungen gemacht?
Die systematische Einbeziehung und kritische Reflexion der sozialen Situierung und des Verhältnisses von Rassismus und Feminismus ist dringend notwendig, um Macht- und Herrschaftsformen verstehen und angreifen zu können. Dabei spielen die SOMs eine wesentliche Rolle. "Bei Selbsorganisationen von Migrantinnen geht es um "orientierte/orientierende Selbstvertretung - und nicht um eine (durch die Mehrheitsgesellschafter) institutionalisierte, oft gut gemeinte und die eigenen hegemonialen Mechanismen vergessende, Stellvertretung. Dieses Prinzip geht davon aus, dass die "Betroffenen" am besten ihre Bedürfnisse kennen und Darstellungs- und Umsetzungsformen entwickeln können, welche Arbeitsfelder in Ökonomie, Bildung und Kultur aufschließen helfen. Die Unterstützung von aktiven Partizipationen in/durch SOM können Machtgefälle zwischen Mehr- und Minderheiten reduzieren." WIP 2005

< Die Funktion der Parrhesia

Laut Foucault"... die Funktion der Parrhesia ist es nicht, jemand anderem die Wahrheit darzutun, sondern sie hat die Funktion von Kritik: Kritik am Gesprächspartner oder am Sprecher selbst."
"Parrhesia ist eine Form von Kritik, [...] immer in einer Situation, in der der Sprecher sich in einer untergeordneten Position hinsichtlich des Gesprächpartners befindet" Foucault. Im eindeutigen Gefälle zwischen dem, der riskant alles äußert und dem kritisierten Souverän, der durch diese Wahrheit angegriffen wird, liegt die spezifische Potenzialität der parrhesia. Der parrhesiastes begibt sich durch seine Kritik in ausgesetzte Situationen, die durch die Sanktion des Ausschlusses bedroht sind.
Sokrates übernimmt die Funktion des parrhesiastes in dem Sinn dass er seine Zuhörer dazu bringt, Rede zu stehen über sich selbst und sie zu einer Selbstbefragung zu führen, die nach der Beziehung zwischen ihren Aussagen (logos) und Lebensweisen (bios) fragt. „Diese Technik dient allerdings nicht als autobiografisches Bekenntnis, als Gewissensprüfung oder Beichte, sondern dafür, zwischen dem vernünftigen Diskurs und dem Lebensstil der Befragten bzw. sich selbst Hinterfragenden eine Beziehung herzustellen. Hier zeigt sich Parrhesia nicht als Kompetenz eines Subjekts, sondern als Bewegung zwischen derjenigen Position, die nach der Übereinstimmung von logos und bios fragt und derjenigen Position, die angesichts dieser Befragung Selbstkritik übt“ Raunig.
Es braucht Parrhesia als doppelte Strategie: als Versuch der Involvierung und des Engagements in einem Prozess der riskanten Widerrede, und als Selbsthinterfragung.
An diesem Punkt setzen wir an und versuchen somit, nicht mehr in paternalistischer Mission über "die Anderen" zu reden, sondern vielmehr die längst überfällige Reflexion der eigenen Verstrickungen mit solchen Machtverhältnissen zu reflektieren, die einer solchen Sichtweise zu Grunde liegen.

< Hegemonie und Distributionskanäle

„Die herrschenden sozialen Gruppen setzen ihre Vormachtstellung (Hegemonie) nicht nur mittels repressiver Staatsapparate durch, sonder insbesondere durch die Bildung eines Konsens im Bereich des Diskursiven, das heißt der Kultur und Wissenschaft. Ihre Vormachtstellung erreichen sie daher nicht nur aufgrund ihrer ökonomischen, politischen und militärischen Einflußnahme, sondern insbesondere durch ihre Definitionsmacht als WissensproduzentInnen. Hegemonial ist demnach eine soziale Gruppe, wenn sie auf den beiden Ebenen der Politik und des Zivilen herrschend ist. Die Subalternen sind einerseits vom herrschenden Kräfteverhältnis ausgeschlossen, andererseits konstitutiv für ihre Herausbildung. Nur mittels der Unterwerfung der Subalternen konstituieren sich die Herrschenden als hegemoniale Gruppe.“ Gutierrez
Soziale Kompetenz ( Bourdieu) Gute Beziehungen und soziale Netzwerke stellen für die Mitglieder aus den hegemonialen Gruppen Distributionskanäle dar. Zugangsberechtigungen in Entscheidungs- und Führungsinstanzen werden in diesem Umfeld verhandelt und vergeben. In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, wie es kommt, daß in den vorherrschenden informellen Netzwerken im Wissenschafts- und im Kulturbereich kaum MigrantInnen, Schwarze oder Flüchtlinge vertreten sind. Gerade die festen und gutdotierten Stellen im Migrationsbereich werden noch zu 95% von weißen besetzt. Auch die Posten der Integrationsbeauftragten sind fest in Händen dieser Gruppe.

Die Reproduktion von Hegemonieverhältnissen resultiert aus der Selbstverständlichkeit, mit der Politik und Kultur von MehrheitösterreichrInnen gemacht und konzipiert werden. So scheint der hegemoniale Feminismus mit ihre Ausschließungsmechanismen keine Hautfarbe zu haben und so wird die rassistische Struktur unsichtbar gemacht.

< Quotierung als Umverteilung

„Die Forderung nach Quotierung für Migrantinnen ist verbunden mit dem Wissen, daß sie auch zur Integration in existierende Strukturen und zum Verlust von Radikalität führen kann. Quotierung heißt immer: zähe Verhandlungen und Kompromisse; sie birgt die Gefahr der Institutionalisierung, der Abkehr von gesellschaftlichen Veränderungen, des Hineingleitens in systemstabilisierende Funktionen in sich. Andererseits eröffnet sie Chancen, weil Migrantinnen ihre politischen Forderungen in verschiedene gesellschaftliche Bereiche einbringen und die etablierte Ordnung in Frage stellen können. Die Einmischung von Migrantinnen in die Institutionen der Politik und ihre Forderungen nach Gleichberechtigung sind begleitet von der Hoffnung, auch die Orte der Einmischung verändern zu können.“ Natascha Apostolidou
Aber wir Migrantinnen fördern nicht nur ethnischen Quotierung, es geht um mehr: es geht um ethnische/ästhetische/Diätetische/Ökonomische/ antiorthorektische Quotierung, um Quotierung für Abnormalen: behinderte Frauen, Transgender, dicke Frauen, armen Frauen, schwarze Frauen, ungebildete Frauen, etc. Es geht um die Weigerung am „Spektakel der Normativität“ Inszenierungen teilzunehmen.
Letztlich geht es bei der ethnischen/ ästhetischen/ ethischen Quotierung um die Umverteilung von jenen Chancen und Ressourcen, die sonst nur diejenigen für sich beanspruchen, die schon immer die Macht und das Sagen haben.
Über Quotierung zu reden, ist notwendig über Selbsthinterfragung, über die Übereinstimmung zwischen Logos und Bios, über politische Programm und institutioneller Realität, über Instrumentalisierung und Kooptierung zu überdenken.
„Es scheint mir politisch erforderlich zu sein, Visionen zu entwickeln, die nicht nur die
eigenen Verletzlichkeiten in den Fokus politischen Interesses stellen, sondern einer Ethikfolgen, bei der das eigene Handeln daran gemessen wird, welche Konsequenzen
dies für die Subjekte bringt, die sich auf einer Position maximaler Verletzlichkeit befinden. Oder wie bell hooks schreibt: "Frauen müssen lernen, die Verantwortung auch für jene Formen der Unterdrückung zu übernehmen, welche uns nicht unbedingt direkt persönlich betreffen (hooks). Dies erfordert ein parrhesiastisches Selbst, welches in der Lage dazu ist, das auszusprechen, was es weiß, auch wenn es damit selber in das Zentrum der Kritik gerät.“ Castro Varela/Dhawan
Zusammenfassend ließe sich festhalten dass sich Forderungen nach Quotierung für Migrantinnen, Minderheitengruppen und Abnormalen ist nur möglich durch Thematisierung von Ausschließungsmechanismen innerhalb der feministischen Bewegung und Desedimentierung der Herrschaftsverhältnisse, in denen Migrantinnen/Abnormalen eine Alibifunktion einnehmen; durch permanente Selbstkritik (Parrhesia), Deterritorialisierung und Reterritorialisierung der gesellschaftliches Kräfteverhältnis und durch eine ethisch-experimentelle und politische Haltung. Nicht im Kampf um Hegemonie in den Mainstream-Feminismus liegt also der Schlüssel zur Veränderung, sondern in einer Verweigerung dieses Schaukampfes.

Tanja Araujo, Gründungsmitglied und Vorstandsfrau von maiz
www.maiz.at


Die Praxis von maiz: Selbstvertretung von Migrantinnen
maiz positioniert sich für die Stärkung der Selbstvertretung von Migrantinnen u.a. durch die Strategie der Allianzenbildung. Die kritische Reflexion des Geschlechter-, Ethnien- und anderer Herrschaftsverhältnisse - auch in internen Auseinandersetzungen - ist dabei ebenso selbstverständlich, wie der Subjektstatus jeder Person und damit ein Paradigmenwechsel von der Viktimisierung zum Protagonismus von Migrantinnen.