Provokationen sind demnach
politisch erforderlich

 

 

 

 

„Die Quote“ heute programmatisch, wie es FIFTITU % formuliert, als „eine Provokation“ zu bezeichnen, finde ich sehr treffend, sind doch nicht nur zugespitzte, übertriebene Aussagen und Handlungen gemeint, sondern auch Veränderungen von Normen intendiert. Verschiebungen und Umarbeitungen von vermeintlich unumstößlichen Regelstrukturen sind (mitunter) theoretisch zu erörtern, vor allem aber praktisch und realpolitisch umzusetzen. „Die Quote“ wird von daher auch künftig als strategisches Instrument gegen die notorische Unterrepräsentation von Frauen eine wichtige Rolle spielen (müssen). Erfolgsmeldungen infolge von Frauenförder- und Gleichstellungsmaßnahmen sollten nicht über diverse Backlash-Bestrebungen hinwegtäuschen. Auch den Verschleiß an Arbeitskraft gilt es zu reduzieren, denn „die Energie“, die in den Diskussionen um Quotenregelungen verschlungen wurde, steht, wie Ute Sacksofsky 2005 zurecht betont, „in keinem Verhältnis zu ihrer praktischen Wirksamkeit“1. Außerdem ist die geforderte ’gleiche Qualifikation’ von Frauen nicht länger in eine de facto meist höhere Qualifikation umzumünzen.
Auf die sich komplex gestaltende Problemlage ist möglichst differenziert zu reagieren. Ich denke dabei - auch mit Blick auf meinen eigenen Berufskontext Universität 2 - zum einen an eine Erfassung und Diskussion konkreter Arbeitsbedingungen, wie Besoldung, Dauer des Arbeitsvertrags, konkrete Aufgabenverteilung (administrativ, öffentlichkeitsorientiert u.a.), spezifische Situation einzelner Gruppen usw. Zum anderen bedeutet ein Engagement für Gleichbehandlungsfragen mit dem Ziel einer Verbesserung der Situation von Frauen nicht unbedingt, primär den Geschlechterbinarismus Frau versus Mann fortzuschreiben. Vielmehr muss es auch im Sinne queer-feministischer Politiken darum gehen, weitere, miteinander verflochtene Diskriminierungsachsen hegemonialer Machtstrukturen, die sich anhand von Kriterien wie Geschlecht und Sexualität sowie Ethnizität, Alter, Religion, Nation usw. entzünden, offen zu legen und deren Effekte zu verringern. Ausdifferenzierte antinormative Provokationen sind demnach politisch erforderlich, damit auch der Arbeitseinsatz effektiver provozierend wirksam werden kann.

Barbara Paul

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1 Ute Sacksofsky, Die blinde Justitia: Gender in der Rechtswissenschaft, in: Hadumod Bußmann und Renate Hof (Hg.), Genus. Geschlechterforschung / Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Ein Handbuch, Stuttgart: Kröner 2005, S. 403-443, hier S. 428.
2 Vgl. bezogen auf die Kunstuniversität Linz pointiert: Gender - Kunstuniversität Linz als diskursive Formation, in: flexart – flexible@art, Hg. Kunstuniversität Linz, Linz 2007, S. 42, ohne AutorIn [sic!] [Karina Alice Koller, Leiterin der Koordinationsstelle für Genderfragen], und http://www.ufg.ac.at/daten-fakten.1078.0.html.